Aerzte als Hochstapler

Pöschtler als Oberarzt eingestellt?!?

Quelle: InfoSperber

 

Urs P. Gasche / 02. Feb 2013 - Eine psychiatrische Klinik stellte einen Briefträger als Oberarzt an. Für die Medien in der Schweiz war das keine Story.

 

Red. Die NZZ machte am 28. Januar 2013 in einem Bericht und einem dazugehörenden Kommentar darauf aufmerksam, dass im Kanton Zürich überdurchschnittlich viele Zwangseinweisungen in psychiatrische Kliniken vorgenommen werden. 26 Prozent der dortigen Insassen sind unfreiwillig eingewiesen worden.

 

Diese Zahl lässt aufhorchen. Vor allem lässt sie aufhorchen, wenn sie mit den Zahlen in anderen Kantonen – etwa Basel oder Genf – verglichen wird. Aber auch wer den Psychiatrie-Betrieb etwas kennt und weiss, wie es da gelegentlich zu und her geht, wird hellhörig.

Der Blick hinter die Kulissen eines psychiatrischen Betriebes in Deutschland mag illustrieren, wie gross diese Spielwiese sein kann. Das dazugehörende Video darf aber auch von Nicht-Psychiatrie-Interessierten angeschaut werden: Es gibt dabei nämlich auch ganz viel zum Lachen! (cm)

---

Und hier zum Fall Gert Postel:

Es war der grösste Hochstapler-Fall vor dem Doktor-Plagiat von Karl-Theodor zu Guttenberg. Bei Guttenberg ging es um einen akademischen Titel, bei Gert Postel um die Gesundheit von Patientinnen und Patienten. Doch nur wenige Schweizer Medien hatten den Fall vor fünf Jahren erwähnt. Jetzt hat Gert Postel in einem Buch beschrieben, wie leicht es war, seine vorgesetzten Ärzte reinzulegen. Und wie leicht es war, als Psychiater zu arbeiten, ohne dass seine Arztkollegen Verdacht schöpften. Chefärzte hätten auf ihre eigene Art hochgestapelt.

 

Von Beruf war Postel Briefträger und liess sich als «Dr. Dr. Clemens von Bartholdy» als Amtsarzt in Flensburg sowie als Stationsarzt in einer psychiatrischen Klinik bei Leipzig anstellen. Er arbeitete dort zwei Jahre lang, bevor er wegen Hochstapelei verurteilt wurde.

Postel macht für sich geltend: «Deutlicher als ich kann man es nicht machen – das System entlarven.» Er habe sich «als Hochstapler unter Hochstapler begeben». Unterdessen ist Postel als Betrüger verurteilt: «Da kommt ein Postbote von der Strasse und macht den Job besser als die Psychiater.» Laut Spiegel, der ihn als «Artist» bezeichnete, hat Postel als Amtsarzt in Flensburg die Zwangseinweisungsrate um 86 Prozent gesenkt.

 

In Flensburg wollte ihm sein Vorgesetzter sogar eine Professorenstelle an der Kieler Universität verschaffen. Als ihn sein Chef fragte, über welches Thema er denn seinen Doktor gemacht habe, antwortete Postel, er habe zwei Doktortitel, einen in Psychologie, wo er über «Kognitive Wahrnehmungsverzerrungen in der stereotypen Urteilsbildung» promoviert habe.

 

Sein Vorgesetzter war mit dieser Antwort sehr zufrieden, obwohl sie in Tat und Wahrheit eine saloppe Definition von Hochstapelei war.

Eine Patientin, die Postel besucht hatte, meinte: «Das ist kein Hochstapler, der ist wirklich Arzt – gross, gutaussehend, redegewandt und einem ständig auf den Arsch schielend.» Psychiater würden nicht zu den schlausten gehören. Ihre Ausbildung müsste «Chemikalienkunde» heissen.

 

Nachdem die Hochstapelei aufgeflogen war, gestand ein echter Oberarzt, ihn mehr zu bewundern als zu verurteilen, denn immerhin habe er keinem Patienten geschadet. Postel soll ihm entgegnet haben: «Ich bin ja auch kein Psychiater.»

 

Unterdessen hat der Briefträger seine Erfahrungen in Buchform mit dem Titel «Doktorspiele» veröffentlicht. Beschreibung des Verlags: «Er fälschte Dokumente, bezirzte Professorinnen, schmeichelte Klinikdirektoren - und entlarvte Macht und Eitelkeit deutscher Experten. Wie sich ein gelernter Postbote zum Oberarzt für Klinische Psychiatrie hochmogelte: Die schillernde Karriere eines notorischen Schwindlers, authentisch und unwiderstehlich wie das wahre Leben.»

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

Interview mit Gert Postel im MDR
Video:Gert Postel beantwortet Fragen aus dem Publikum
Gert Postel: «Geständnisse eines Hochstaplers», Goldmann-Verlag, 35 Euro
Zum Bericht in der NZZ über die Zwangseinweisungen
Zum Kommentar in der NZZ über die Zwangseinweisungen
Zu einem konkreten Fall, was Psychiater verursachen können (auf Infosperber)